Eine Tour zum Vergessen | 14.12. – 28.12.2024
Hurtigruten-Kreuzfahrt im Winter: 32 Häfen in 12 Tagen. Von Bergen nach Kirkenes und zurück. Polarlicht, einmalige Landschaften, Geyrangerfjord im Schnee, nicht enden wollende Polarnächte
Neben Tansania / Kilimandjaro, Capetown / Tafelberg, EBC-Trek und Fuji / Japan stand dieser Trip ganz oben auf meiner Bucket-List.
Direkt nach der schweren OP Anfang 2023, bei der Marcel´s Hirntumor entfernt wurde, habe ich die Tour für Dezember 2023 gebucht. Für mich war diese Buchung mehr als gutes Omen, als Hoffnung, als Vertrauen in die Zukunft gedacht.
Ab Oktober 2023, nach seinem Geburtstag, ging es Marcel gesundheitlich immer schlechter. Ich konnte es nicht verantworten, Marcel nicht nur mit der Verantwortung um River, sondern grundsätzlich alleine zu lassen. Also habe ich die Reise (kostenlos) storniert. Lediglich die Flugkosten blieben an mir hängen
Einen Monat, nachdem Marcel im Mai 2025 für immer eingeschlafen war, habe ich die Reise für Dezember nochmal gebucht. Es war spontan, einer Eingebung folgend. Es war so kurz nach seinem Tod nicht pietätlos…sondern der Versuch, der Test, ob ich Freude oder Glücksgefühle überhaupt noch erleben kann, mir eine solche Reise über den Verlust hinweghelfen kann.
Achtung Spoiler: Nope.
Etwas Ablenkung…ja. Glück, Freude…eindeutig nein
14.12.2024 | Bergen
Was habe ich mir Videos über Bergen im tiefsten Winter angesehen. Verschneit, wundervolle weihnachtliche Atmosphäre, Bryggen, mit der Floibahn auf den Floyen und ein traumhafter Blick auf Brüggen…
Ich habe extra 2 Tage, Samstag und Sonntag, für Bergen eingeplant, bevor es dann am Montag Abend auf die Kreuzfahrt ging
Nach 2 Stunden Flug kam ich mit der LH um 11:50 in Bergen an. Mit der Bahn für 5€ direkt ins Zentrum zum Magic Hotel & Apartments Kløverhuset. Hat zwar eine Stunde gedauert, war aber easy going…und günstig.
Bergen hat 250 Regentage im Jahr…und ich hatte sie alle
Es machte keinen Spaß, im strömenden Regen in der Stadt rumzulaufen. Es war so windig, dass es sogar den Regenschirm, den ich vom Hotel bekommen habe, zerrissen hat. Weihnachtsatmosphäre = Null
Es mag eine schöne Stadt sein, toller Hafen, historische Stadtteile, wundervolle Aussicht vom Berg auf die Stadt. Nichts, aber auch gar nichts hatte ich davon gehabt.

Montag ging es dann gegen 15 Uhr zu Fuß Richtung Ablegehafen der Kreuzfahrtschiffe. Um 16 Uhr konnte man einchecken.

Ablegen am 16.12. um 20:30 mit der Havillar Capella. Der Blick auf die Stadt beim Herausfahren war das Beste, was ich von Bergen gesehen habe.
Das Schiff | Havila Capella
Ich hatte die kleinste Kabine, eine Innenkabine auf dem vierten, dem untersten Deck gebucht. „Interior Cabin“ für 2118€. Die Größe, das Interieur, das Bad…alles war völlig ausreichend.
Ich hatte sowieso nicht geplant, mich außer zum Schlafen in der Kabine aufzuhalten.
Die Kabine hatte zudem durch ihre Lage am tiefen Schwerpunkt des Schiffs den Vorteil, dass bei unruhiger See kaum etwas zu spüren war.

Die Rezeption und das Ausgangstor waren auf der gleichen Ebene
Deck 5 und Deck 7 waren reine Kabinendecks, auf Deck 6 waren das Restaurant, Shop, Meetingraum, Relaxzone, Info untergebracht.
Alles sauber, angenehm nordisches understatement…einfach hyggelig
Bei der Einschiffung konnte man seine Essenszeiten für die gesamte Fahrt festlegen. Damit wurde lange Wartezeiten und Schlange stehen vermieden. Frühstück war bei mir 07:00, Abendessen 20:00 Uhr.
Zu jeder Mahlzeit gab es einen persönlichen Service und eine große Auswahl an Beilagen, so dass man sich ein eigenes, individuelles Menü mit einer Vielzahl von Geschmacksrichtungen zusammenstellen konnte. Aufgeteilt in vier Zonen gab es je nach Abschnitt, auf dem man sich das Schiff befand, verschiedenen Gerichte der kulinarischen Traditionen der norwegischen Küste
Aber neben dem unglaublich gute Essen das Wichtigste: Auf jedem Deck standen Kaffeevollautomaten…und der Kaffee war umsonst.
Deck 8 Panoramalounge, Außenbereich, Raucherzone, Pool | Deck 9 Panoramalounge, Bar
Im Gegensatz zu den Weicheitouris, die die Landschaft geschützt in den Lounges an sich vorbeiziehen ließen, hab ich die meiste Zeit draußen bei Minusgraden im Raucherbereich gesessen und alles direkt bei jeder Menge Kaffee und meiner E-Zigarette auf mich einwirken lassen.
In der Lounge vor dem Glasfenster sitzen…da kann ich mir auch zuhause auf dem Sofa ein Youtube Video ansehen.
Die Ausflüge
Zwar wurden 32 Häfen auf der Tour angefahren…die meisten davon aber nur kurz (zum Be- und Entladen) und oft in der Nacht. Längere Aufenthalte, die man dann auch für Unternehmungen nutzen konnte, gab es in
| 17.12. | Ålesund | 10 Stunden |
| 18.12. | Trondheim | 3 Stunden |
| 19.12. | Bodø | 2,5 Stunden |
| 20.12. | Tromsø | 4 Stunden |
| 21.12. | Honningsvåg | 3,5 Stunden |
| 22.12. | Kirkenes | 3,5 Stunden |
| 23.12. | Tromsø | 1,5 Stunden |
17.12. Alesund / Geiranger Fjoerd

Direkt am ersten Tag ging es nach einem wunderbaren Frühstück auf den ersten gebuchten Ausflug: zum Weltnaturerbe Geiranger Fjoerd (278€).
Um 10:30 Abfahrt von Alesund. Auf dem Schiff gab es Kaffee und um 12:15 eine kleine Mahlzeit
13:00 Uhr Einfahrt in den Geirangerfjord und Fotostop an den Wasserfällen der sieben Schwestern und deren Freier
13:30 Ankunft in Geiranger. Fahrt mit dem Bus zum Aussichtspunkt. Das obligatorische Postkartenphoto im tiefen Schnee gemacht…und dann ein kleiner Spaziergang am Wasserfall vorbei runter zum Hafen.
16:00 Abfahrt von Geiranger
19:00 Ankunft Alesund, Abendessen auf der Havila
Fazit: 10/10
18.12. Trondheim
Für Trondheim habe ich keinen Ausflug gebucht. Ich bin zu Fuß zum Nidarosdom gelaufen, habe ein bißchen Weihnachtsmarktatmosphäre genossen…aber Dombesuche sind absolut nicht meine Welt.
Fazit: 2/10
19.12. Polarkreisüberquerung
Südlich von Bodo, zwischen Nesna und Ornes liegt der nördliche Polarkreis (66° 33′ N)…und der wurde gegen 07:30 überquert.
Um 10:30 Uhr trafen sich alle Passagiere zur rituellen Polarkreistaufe auf dem Außendeck…eine Kelle Eiswasser in den Nacken durch Neptun höchstpersönlich

20.12. 4 Stunden Tromsø, Rundfahrt 144€
Absolut genial. Tromsø ist eine wunderschöne Stadt. Die Fahrt mit der Fjellheisen-Bahn auf den Hausberg Strorsteinen und der Blick auf die hell erleuchtete Stadt…unvergeßlich

Die Eismeer-Kathedrale (Arctic Cathedral) ist ein wirklich imposantes Bauwerk, sehenswert
Diese Sehenswürdigkeiten mit abschließendem Besuch im Full Steam Museum und den Austellung der samische Kultur haben sich absolut gelohnt.
Fazit 10 / 10
21.12. Honningsvåg Nordkap 144€
Leider fiel der Trip zum Nordkap aus. Schneestürme verhinderten jeglichen Bus- und Auto vom Hafen in Honningsvåg zum Kap. Somit konnte man nur in Honningsvåg 3 Stunden im starken Schneegestöber spazieren gehen. War jetzt nicht so erbaulich…da es absolut nichts sehenswertes in diesem Kaff gibt.
22.12. Kirkenes Snowmobile King Crab 253€
Gegen 09:00 Uhr morgens kamen wir in Kirkenes an. Direkt vom Kai ging es dann mit dem Bus zur Ausflugsbasis. Dort machte sich schon die erste Enttäuschung bei mir breit…denn laut Beschreibung dieser Tour bin ich davon ausgegangen, daß wir selber mit dem Snowmobil fahren.
Leider saßen wir nur in dem Schlitten, der an ein Snowmobil gehängt wurde. Wir bekamen unsere Overalls, eine Sicherheitsanweisung…und dann ging es durch eine wundervolle Landschaft hinaus aufs Eis, wo unser Reiseführer mit einem lokalen Fischer die Reusen für die Königskrabben einholte.

Nach kurzen Erlärungen wurde uns gezeigt, wie eine Königskrabbe in die ewigen Jagdgründe verabschiedet wird, das obligatorische Photo mit der Krabbe wurde geschossen…und dann ging es zurück an ein direkt am Fjord gelegenes Restaurant. Dort wurde uns die zuvor gefangenen Königskrabbe serviert…ein Festmahl, für den, der es zu schätzen weiß.
Ich konnte gar nicht so viel essen, wie mich dieser Trip gekostet hat.
Fazit 4/10 War cool, aber 100 € zu teuer
Polarlichter…auf der gesamten Nordroute Richtung Kirkenes waren sie nicht zu sehen. Am Nachmittag, auf dem Rückweg Richtung Süden, explodierte der Himmel
23.12. Mitternachtskonzert in der Holzkathedrale 46€
Um 23:45 Uhr in Tromsø ankommen, ging es nach einem kurzen Spaziergang über die Straße zur Holzkathedrale, die man schon bei der Ankunft im Hafen von weitem sehen konnte.
Das Konzert bot Hymnen, Volkslieder, traditionelle norwegische Musik, Balladen und samische Kulturlieder.
„Amazing Grace“ hat mir die Tränen in die Augen getrieben
Fazit 7/10 Lohnt sich auf jeden Fall
Nach dem Konzert ging ich gegen 01:30 Uhr nochmal aufs Raucherdeck, um den Tag bei einer Tasse Kaffee ausklingen zu lassen. Ich war alleine…und war somit auch der einzige, der die wundervollen Polarlichter über Tromsø erlebt hatte.

25.12. – 27.12.
Die nächsten Tage waren geprägt durch kurze Landgänge, wunderbarem Essen, ein tolles Abend-Kuchenbüffet an den beiden Weihnachtstagen…und die Landschaft auf dem Außendeck an sich vorbei ziehen lassen.
Die Ankunft am 27.12. in Bergen war pünktlich um 14:30. Da der Rückflug erst am nächsten Tag war, durfte ich noch einen weiteren verlorenen Tag bei strömenden Regen in Bergen verbringen
Fazit
Ich habe auf meiner Reise gelernt, das Genießen, Freude empfinden bzw. zuzulasssen ein langer Lernprozess sein wird, zu dem ich auch bereit sein muß.
Es war teilweise schlimm, wie sehr mich die Erfüllung meines Traumes an Marcel erinnert und weh tat.
Ich hatte z.B. eine halbe Stunde in Trondheim im Dom gesessen…und nur geweint.
Die Welle von Traurigkeit und der Schmerz waren so groß, daß ich das Gefühl hatte, den ganzen Dom damit auszufüllen und jeder müsste es auch fühlen…aber keiner hat es mitbekommen.
Teilnahmslos, achtlos oder vielleicht auch hilflos sind die Touris an mir vorbeigezogen…da merkt man, wie klein die eigene Welt ist und wie alleine man mit seinem Schmerz ist
Trotzdem bot die Reise unvergeßliches, auch wenn die Erhabenheit des Momentes mir verloren ging.
Die Nordlichter waren wunderbar…und die Vorstellung, daß Marcel ein Teil dieser Lichter war…das hatte etwas Schönes
Heiligabend mit Marcel ein Steak zusammen essen…priceless

Die Taufe zur Polarkreisüberquerung, Tromso, Kirkenes….es war besser, die Reise gemacht zu haben, als sie nicht gemacht zu haben.
